Freitag, 17. August 2012

Get to know your enemy...


Irgendwie doch sehr schön, nicht? Ich sollte mich mit den Tierchen dennoch nicht anfreunden, denn eigentlich sollte ich hier Spinnweben bekämpfen und nicht anfangen, schöne dicke Monsterspinnen zu züchten. Wobei die mir vielleicht wieder gegen die Marder behilflich sein könnten. So eine Kankra im Mini-Format auf den Dachboden und Ruhe is'...

Samstag, 11. August 2012

Istanbul – Zwischen den Welten



Mit einem Nachtbus der türkischen Busgesellschaft Metrolines brach ich von Varna nach Istanbul auf. Ich saß neben einer jungen Tartarin, die in Istanbul studierte, aber aus Bulgarien kam, und die mir noch sehr viel weiter helfen sollte. Der Bus war hypermodern, in jedem Sitz war ein kleiner Fernseher eingelassen, den man benutzen konnte, wenn man türkisch verstand. Es gab Wasser und Tee, allerdings wurde ich ziemlich schnell von der etwas giftigen Stewardess ignoriert, vielleicht, weil es sie nervte, dass ich weder bulgarisch noch türkisch verstand. Vielleicht, weil Touristen sie nervten. Ich schlief sehr wenig. In Bussen schlafe ich generell schlecht und dann kam ja auch noch mitten in der Nacht, ich denke so gegen zwei Uhr, kann mich aber nicht mehr recht erinnern, die Grenze. Das hieß: raus aus dem Bus, warten, Ewigkeiten an der Passkontrolle anstehen, wo es keine Toilette gab, wieder zum Bus, warten, Gepäck holen, warten, mit dem Gepäck durch den Zoll, warten, rein in den Bus. Die Grenzkontrolle war relativ schnell erledigt – Stempel in den Pass und fertig. Die Zollkontrolle war aufwändiger. Wie am Flughafen gab es ein kleines Gepäckband und so ein Gerät, wo das Gepäck durchleuchtet wird. Ich legte auf das Band – einen riesigen Trekkingrucksack, eine grüne Tasche, die mein Handgepäck war, einen Schlafsack. Heraus kamen der rote Trekkingrucksack und die grüne Tasche. Ich wartete. Zwei Personen gingen vorbei, nahmen ihr Gepäck auf, aber der Schlafsack blieb verschollen. Ich war müde, ich war genervt, ich dachte darüber nach, den verdammten Schlafsack zurück zu lassen. Aber ich wollte ja noch weiter couchsurfen und ich dachte doch, dass ich ihn vielleicht noch brauchen würde und so ging ich zur Stewardess. Eine schlechte Idee. Mit Handbewegungen bedeutete sie mir, endlich einzusteigen und schimpfte ein bisschen auf mich ein, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich gab nicht auf. Ging zum Bus, zu meiner süßen Sitznachbarin, die sehr gut Englisch konnte und erklärte ihr mein Problem. Wir gingen zurück zum Zoll und erklärten es dem Zollbeamten. Der guckte auf seinen Bildschirm – nichts zu sehen. Die Stewardess hatte einen triumphierenden Blick und wollte bereits wieder mit herumscheuchen anfangen, da kletterte der Zollbeamte aufs Gepäckband und schaute in die Maschine. Als er diese schwarzen Plastikvorhänge hob, sah ich meinen Schlafsack schon, die ungeduldig werdende Stewardess aber nicht. Ich war froh, dass ich selber noch Wasser dabei hatte, von ihr würde ich wohl auf der restlichen Fahrt nichts mehr bekommen. Nach einer Weile und einigen Herumzerren, denn der Schlafsack hatte sich wohl im Inneren des Gepäckröntgengeräts verfangen, kam der Zollbeamte mit meinem Schlafsack. Nun aber husch in den Bus. Sonst würde die Stewardess dem Busfahrer anweisen, uns am Fahrbahnrand auszusetzen.



Der Rest der Reise war ruhig, wenn ich auch nicht mehr wirklich schlief. Als die ersten Vorstädte von Istanbul auftauchten war ich wach und neugierig. Wieder in dieser Riesenstadt zu sein, die so fern von allem liegt, was man sich vorstellen kann. Ich war bereits zwei Mal da und wieder würde es ein vollkommen anderes Erlebnis sein. Das Istanbul zwar mein eigentliches Ziel der Reise, der Grund meines Wegs entlang der Schwarzmeerküste und meines Rückwegs über Belgrad war, aber dennoch eben nur ein Zwischenziel zwischen Varna und Belgrad, passte dazu ganz gut. Istanbul liegt dazwischen, zwischen den Welten, wenn mir die Benutzung dieses Klischees erlaubt sein möge. Natürlich, die alte Geschichte – der Balkan, wo Orient und Okzident aufeinanderprallen und gewissermaßen Istanbul als Hauptstadt des Balkans. Ehemaliges Zentrum der Orthodoxie, heute muslimisch, aber auch säkular. Eine europäische moderne Gesellschaft, Säkularität und Konsum treffen auf eine traditionelle islamische Gesellschaft mit traditionellen Werten, Gelassenheit und Gastfreundschaft. Der Bospurus ist keine Trennlinie, sondern ein Übergang und mit seinem Wasser schwappt ein Hauch Ost nach West und umgekehrt. Die Stadt ist riesig, die Stadtteile an sich schon so groß wie einzelne Städte, so verschieden wie einzelne Städte, so bunt wie die Welt. Natürlich, die Mengen an Touristen die durch die Straßen fluten, aber dann läuft man wieder durch das Wohnviertel in Besiktas oder sitzt im Frühstückscafé und sieht keine Backpacker, keine Kulturtouristen und niemanden auf Cityhopping oder Shoppingtrip. Man kan verloren gehen in dem Straßengewirr, man kann verloren gehen, in den Gassen um den großen Basar, man kann verloren gehen, beim Herumlaufen auf der asiatischen Seite, man kann sich vergessen, beim Blick auf das Wasser. Und man kann sich finden. Kann sich sicher sein, dass man da ist, wo man hin wollte. Das alles gerade richtig ist. Das Istanbul der Ort ist, der gerade das Lebensgefühl am Besten ausdrückt. Diese Stadt, die das rosarot-romantische Ziel aller hippiesken Hitchhiker ist, aller lässiger, verträumter Rucksacktouristen verspricht viel und hält das meiste. Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich hinkomme. Auch ich hatte eine Istanbulidee im Kopf und ja – sie wurde hundertprozentig erfüllt.



Meine Sitznachbarin hatte mich noch auf ihrer Fahrkarte ein paar Stationen ins Stadtzentrum mitgenommen und dann fuhr ich noch einmal ein paar Stationen mit einem anderen wunderbaren Istanbuler mit. Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich vollkommen uneigennützig Hilfe von wildfremden Menschen erhalte. Und dann klingelte mein Telefon. Das Fräulein rief an. Sie wollte sich in einer Stunde in Taksim mit mir treffen. Ich wusste ungefähr, wo ich hin musste. Gerade war ich in der Nähe vom Bahnhof, und ganz da in der Nähe war eine Fährstation. Ich musste nur einen Ort finden, um Geld zu tauschen und mir eine Fahrkarte zu kaufen und ich wäre schwuppdiwupp in Taksim. Doch im Bahnhof gab es kein Tauschbüro. Weit und breit war keines zu sehen. Ich setzte mich kurz, blickte aufs Wasser und überlegte. Vielleicht war es das morgendliche Glitzern des Bosporuswassers, vielleicht war es der Übermut, am Ziel der Träume zu sein, ich beschloss jedenfalls, zu laufen. Ich hatte keine Karte und so lief ich vermutlich einen riesigen Umweg, aber irgendwann war ich in Taksim und irgendwann fragte ich dann auch noch jemanden, wo der Burger King war, wo ich mich mit dem Fräulein treffen wollte. Ich war etwa eine Stunde gelaufen. Ich war tatsächlich schweißgebadet, nicht nur metaphorisch. Ich war erschöpft und doch immer noch glücklich, und da, da stand sie. Jetzt war ich überglücklich. Dass das geklappt hatte, dass sie tatsächlich vor mir stand, dass wir uns in Cluj getrennt und in Istanbul wiedergefunden hatten, wobei für mich an einem Punkt in Varna die Reise fast vorbei gewesen war, all das grenzte an ein Wunder.

Wir beschlossen, erst einmal einen Tee zu trinken. Einen türkischen. In irgendeinem Straßencafé, ganz egal. Hauptsache kurz sitzen. Als uns dann noch die Männer vom Nebentisch einen halben Simit rüberreichten, war alles perfekt. Genau das hatte ich mir für meinen ersten Morgen in Istanbul gewünscht – einen türkischen Tee und einen Simit. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Mein Geldproblem war damit auch gelöst und ich war gespannt auf alles, was da kommen mochte.

Die Tage in Istanbul waren traumhaft. Wir latschten ganz oft durch die Gegend, um die Stadtteile zu erkunden und entdeckten niedliche Straßen, wo wir am liebsten wohnen wollten, kleine Parks und kleine Cafés, Streetart und Berlinflair, was vor allem dem Fräulein, die ja eigentlich ein echt Berliner Frollein ist, gefiel. Wir fuhren Fähre und ich liebte es – Wind, Wasser, eine Stadt an beiden Ufern, Spannung und Aufregendes wohin das Auge blickt. Wir gingen in den Topkapi-Palast, waren aber schnell genervt von der Hitze und den Unmengen an Touristen, waren nicht aufnahmefähig genug, verharrten dafür aber ewig auf den diversen Terrassen um Bilder mit Bosporuspanorama im Hintergrund zu machen. [Verzeihung, dass ich hier keine einstelle, ihr wisst schon, ich mag hier alles hübsch anonym gestalten.]

Wir gingen auf den großen Basar, ich jagte vergebens nach den Flatterhosen, die ich das letzte Mal in Istanbul erstanden hatte, jetzt waren eben „Haremshosen“ in. Dafür fand ich die feinen gehämmerten Messingohrhänger wieder und kaufte für meine Freundinnen gleich ein halbes Dutzend. Wir kauften noch kleine Keramikschälchen, das war es dann aber auch. Ich machte am letzten Tag vor meiner Abreise noch ein paar Einkäufe, zum Beispiel diese winzigen Täschchen im Teppichlook, die gut für Kleingeld und Perso beim Tanzengehen sind, und ein paar billige Turnschuhe, die vermutlich kein Original der Marke sind, die drauf steht.



Ein Highlight des Aufenthalts war ein Konzert der Takatuka-Band, die mich via Couchsurfing zu ihrem Konzert eingeladen hatte. Keine schlechte Masche, eine Menge der Anwesenden beim Konzert schienen Couchsurfer zu sein, aber es lohnte sich dennoch sehr. Die Location war ein Club in der obersten Etage eines Hauses in Taksim, mit Blick über Istanbul. Die Band bestand aus mehreren Leuten, heraus stach aber der unheimlich attraktive Sänger, der auf der Bühne unentwegt lächelte. So ein schöner Mann, so ein unglaublich schöner Mann. Wir tanzten sehr viel und tranken Bier, auch wenn das unglaublich teuer war. Ein paar Wochen später in Bukarest erfuhr ich von einem in Istanbul lebenden Spanier den Grund: In der Türkei versuchten konservativ-muslimische Kräfte gerade, islamische Grundsätze wieder stärker durchzusetzen und wollten dementsprechend Alkohol am Liebsten verbieten, wie in anderen islamischen Ländern, wenn dies nicht ging, dann aber wenigstens sehr teuer machen. Der Abend war großartig, auch der DJ, der auflegte, als die Band eine Pause machte, hatte eine klasse Playlist, die er aber auf Anfrage nicht mitteilen wollte.




Das größte Event in Istanbul war aber wohl der Geburtstag des Fräuleins. Meine Reise nach Istanbul war auch damit begründet, dass wir diesen zusammen feiern wollten, in Istanbul. Wir waren von einer Freundin des Fräuleins zu einem Couchsurfer umgezogen und warteten an dem Abend darauf, dass irgendwann in der Nacht des Fräuleins Mitbewohnerin aus Berlin eintreffen würde. Das Fräulein hatte sich ein wenig zur Ruhe gelegt, ich zog mit dem Gastgeber los und kaufte Kuchen und Kerzen, um ihr eine Geburtstagsüberraschung zu bereiten. Und so wurde das Fräulein dann mit Eistorte geweckt, die wir daraufhin in Ermangelung eines Eisfaches verspeisen mussten. Die Mitbewohnerin kam auch noch an in dieser Nacht und so lagen wir schließlich zu dritt in der Wohnküche unseres Gastgebers und pennten ein wenig – am nächsten Tag wollten wir zur Prinzeninsel aufbrechen. 
Die Prinzeninsel für die Berliner Prinzessinnen, die Geburtstagsprinzessin und die Prinzesinnnenmitbewohner- und -besucherin. Außerdem noch mit am Start, die Prinzessinnenfreundin, bei der wir die ersten Nächte geschlafen hatten. Perfekt. Die Insel war ein Blütenmeer. Wir versuchten vergeblich, ein Kloster zu finden, das war dann aber auch nicht schlimm, denn so saßen wir einfach irgendwo unter Kiefern und schlürften Tee. Wir hatten an der Straße Obst gekauft und verdrückten dieses. Wir redeten, über Emanzipation, Diskurse und diskursgeschädigte Personen – für mich war es der vielleicht intellektuell ansprechendste Punkt der Reise. Ok, ok, die Gespräche mit meinem Varnaer Host gingen zum Teil auch über meinen Tellerrand heraus und auch mein Belgrader Host gibt mir durchaus immer Denkanstöße gibt, wenn ich bei ihm bin, aber dennoch, fand ich das Gespräch sehr anregend.
Wir wollten abends zum Geburtstag feiern dann noch mal zur Takatukaband und es war eine ziemliche Enttäuschung. Die Musik war gut, die Stimmung war nicht vorhanden, die Anwesenden waren ein paar vereinzelte Couchsurfer und die Party ging ein Stockwerk tiefer im Erasmus-Club. Dahin gingen wir dann auch nach ein paar Liedern, als alle, besonders unser Gastgeber und sein Mitbewohner drohten einzuschlafen. Wir tanzten zu den besten Erasmus-Hits aller Zeiten (also der gleichen Musik, die auf Erasmus-Feten in Cluj, Madrid, Stockholm oder Krakau auch laufen würde) und es war wohl schon spät, als wir nach Hause gingen.

An meinem letzten Istanbultag frühstückten wir dann nachmittags um zwei in einem Terrassencafé im vierten Stock. Ich blickte auf die Aya Sofya, die Berlinerinnen auf die Blaue Moschee und so war jeder hochzufrieden. Zudem gab es ein sehr gutes Frühstück incl. kostenlosem Tee zu einem annehmbaren Preis. Das Fräulein und ihr Besuch brachen zur Blauen Moschee auf, ein Traum, den sie für diese Reise gemeinsam hatten, ich schlug mich noch einmal zum Basar durch, um letzte Einkäufe zu erledigen und ein letztes Mal in dem Gewirr der Gassen verloren zu gehen. Wir trafen uns wieder, holten meine Sachen und ich stieg in den Bus Richtung Sofia. Die Reise nach Belgrad war nicht so einfach und geradlinig, wie es mir bahn.de anzeigte, aber das ist schon wieder die nächste Geschichte.

Sonntag, 5. August 2012

Varna - Glück im Unglück



Ich nahm von Vama Veche also den Minibus nach Varna. Ich war die einzige, die in Vama Veche zustieg, aber es waren noch ein paar rumänische Touristen mit an Board, die allerdings bei den übichen Touristendestinationen entlang der Schwarzmeerküste abgesetzt werden wollten. Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinwollte, eben nach Varna, am Besten erstmal an den Busbahnhof, dann konnte ich gleich schauen, wie ich weiter kommen würde. Der Fahrer hatte auch keine Ahnung, wo es lang ging und verfuhr sich erstmal in einem Industriegebiet. Als die Straßen schmaler und ausgestorbener wurden, bekam ich es ziemlich mit der Angst zu tun. Ich war die einzige, die im Bus verblieben war und hatte keine Ahnung, wo er mich hinbringen wollte. Schließlich fand er aber den Busbahnhof. Ich stieg aus und irrte ein bisschen umher, suchte nach einem Geldautomaten und einer Touristeninfo. Eine Zimmervermittlung gab es sogar, allerdings war niemand zu sehen weit und breit und so beschloss ich schließlich, in die Stadt zu fahren. Ich wartete auf den Bus, von dem ich dachte, er könnte ins Zentrum fahren. Nach ein paar Halten wurde es ziemlich voll und es entstand ein Gedränge. Als ich ausstieg, war mein Portemonnaie weg. Darin waren meine Bankkarten (Visa und EC), mein Personalausweis, mein Studentenausweis, meine Versichertenkarte und eben mein Geld gewesen, glücklicherweise nur ca. 30 Euro. Ich bekam etwas Panik und rief sofort bei den Sperrhotlines an, dann überlegte ich, wie es weitergehen sollte. Ich hatte 45 Euro in einer anderen Tasche, dazu noch meinen Reisepass. Istanbul stand also eigentlich nichts im Weg - nur wusste ich, dass das Fräulein erst in drei Tagen dort sein würde. Ich hatte also drei Tage zu überbrücken und musste noch irgendwie nach Istanbul kommen, und das Ganze eben mit 45 Euro. Ich steuerte als erstes die Touristeninfo an, vielleicht konnte man mir da eine extrem günstige Unterkunft vermitteln und mir verraten, wie ich am Besten nach Istanbul kommen würde. Einen Zwischenstopp in Burgas hielt ich aufgrund meiner finanziellen Lage inzwischen für unmöglich, aber der Rest würde schon irgendwie funktionieren, hoffte ich. Zur allergrößten Not musste ich eben auf die deutsche Botschaft in Sofia fahren, die sind ja für solche Notfälle da. Am Strand schlafen, das ging mir noch durch den Kopf, ich verwarf es aber recht schnell wieder - allein mit ziemlich viel Gepäck und als Frau keine so gute Idee.




In der Touristeninfo wurde mir mitgeteilt, dass Übernachtungen ab 15 Euro begannen und der Bus nach Istanbul 30 Euro kosten würde. Ich hatte also für zwei Übernachtungen und zwei Tage Essen nur noch 15 Euro zur Verfügung, wenn ich den Bus über Nacht nehmen würde. Ich musste schauen, ob vielleicht der Couchsurfer, mit dem ich schon vor ein paar Tagen in Kontakt gewesen war, der aber meine letzte Nachricht nicht beantwortet hatte, vielleicht doch inzwischen geschrieben hatte. Und tatsächlich, da war eine Nachricht. Ich konnte bei ihm schlafen und er hatte seine Handynummer dazu geschrieben. Eigentlich war ich einen Tag zu früh dran, das heißt, eigentlich wollte ich eine Nacht später erst bei ihm übernachten. Hätte ich Geld gehabt, hätte ich das auch getan, aber so rief ich ihn sofort an und erzählte ihm, dass ich ein kleines Problem hatte. Er war sehr unkompliziert, sagte mir, wo ich hinkommen sollte, und wir trafen uns in einem Cafe.












In den nächsten drei Tagen verbrachten wir sehr viel Zeit mit essen, zum Beispiel traditionellen Käseteigtaschen, Banicy, zum Frühstück, bulgarischem Käse, Zuchinisuppe, gegrillten Auberginen und anderen Leckereien. Wir gingen jeden Tag zum Strand, dabei fuhr er mich mit dem Auto an die wunderschönsten Abschnitte, die es um Varna so gab. An einem Abend machten wir ein Lagerfeuer am Strand und aßen dort, während es ein leichter Nieselregen niederging. An einem anderen Abend gingen wir trinken und tanzen - erst saßen wir in einer ziemlich schicken Bar, wo ich mir extrem underdressed vorkam, dann etwas alternativeres und zum Schluss schließlich ein großer populärer Club, mit bulgarischer Popmusik, welche sehr viel mehr orientalische Einflüsse hat, als z.B. die rumänische. Danach sprangen wir nachts halb fünf noch einmal nackt ins Meer. Er überließ mir sein Bett und schlief woanders, ich kam mir vor wie im All-inclusive-Urlaub. Nach der Geschichte mit der gestohlenen Geldbörse bekam ich noch einmal einen komplett anderen Eindruck von der Stadt. Der Seepark, die Strände, die Natur um Varna herum, die Strandbars, das Thermalbad, die wunderschönen alten Häuser im Stadtzentrum, das Konzert am letzten Abend, und natürlich mein fürsorglicher Gastgeber sorgten dafür, dass ich mit einem positiven Gefühl abreiste. Mehr noch, als ich schließlich am Bus stand und es Zeit war, Adieu zu sagen, war ich doch ein wenig traurig. Für mich eindeutig ein Beweis, dass Couchsurfing eine großartige Idee ist.
  
 














Gewitter über Kallmünz

Eine Mitstudentin und gute Freundin wohnt irgendwo in der Oberpfalz. Der Ort heißt Kallmünz und hat den seltsamen, nur in Bayern anzutreffenden Status eines Marktes. Von der Größe her ein kleines, niedliches Städtchen oder großes Dorf, für diese Verhältnisse war aber zum Brückenfest sehr viel los. Zu eben diesem Fest beschlossen wir nun, nach zwei Jahren gemeinsamen Studium, diese Freundin endlich mal in ihrem Heimatort zu besuchen und uns selbst ein Bild von dem mysteriösen Stück Oberpfalz zu machen, in das sie regelmäßig verschwand.



Das Brückenfest wird von einer Künstlergemeinschaft organisiert, den Namen hat es von der Steinernen Brücke, die in den mittelalterlichen Teil des Ortes, fast könnte man meinen zur Festung, führt. Es wird bloß alle paar Jahre veranstaltet und ist begleitet von zahlreichen Ausstellungen und Konzerten. Dafür, dass Kallmünz nämlich eigentlich recht winzig ist, gibt es eine enorme Galleriendichte. Wir stellten auch die These auf, dass es vermutlich mehr Naturheilpraxen als Familien im Ort gibt, aber Gallerien gibt es wohl auch mindestens so viele, wie Häuser im historischen Ortskern, denn fast in jedem Haus ist eben auch eine Gallerie. Natürlich hat auch unsere Freundin gemeinsam mit anderen Freunden eine Gallerie und zum Brückenfest organisierte sie die Ausstellung von Werken eines serbischen Künstlers in der Stadthalle. Die Gallerien waren zum Fest alle geöffnet, so dass man sich die schönen Häuser und so man etwas davon verstand - auch die schöne Kunst anschauen konnte. Für mich waren vor allem die Häuser interessant, die sich in die Felsen schmiegten, die winzigen Gassen und die schiefen Wände, die kleinen Brücken über die Vilsgasse, die Gärten und Schänken an der Naab. Kallmünz ist einfach wahnsinnig idyllisch, hier ein paar Bilder:







Wir schauten herum und holten uns an den verschiedenen Ständen etwas zu essen, wie zum Beispiel am Stand der Deutsch-Fanzösichen Freundschaft einen Zwiebelkuchen. Zum Trinken organisierten wir uns noch ein Radler und schlenderten umher. Die Musik auf den verschiedenen Bühnen war leider nicht so gut, zum einen konnte man eine Schülerband hören, die die besten Hits spielte, die Schülerbands eben meistens so spielen – also Klassiker von den Stones und Beatles und ein paar aktuelle Hits, zum anderen etwas, was wohl im Programm unter Jazz lief, was aber ebenfalls nur sehr oberflächlich diesen Bereich abdeckte, nämlich die bekanntesten Lieder, die von der Allgemeinheit mit Jazz verbunden waren. Im Programm stand wohl noch etwas von einer Menge Spaß und guter Laune, vielleicht auch Stimmungsmusik, aber die war wohl eher an eine ältere Generation gerichtet und weckte in uns nur den Wunsch zu fliehen. 
Dafür bereicherte aber eine andere Band in der engen Vilsgasse das Fest mit ihrer Musik. Die Musiker waren kurz zuvor mit dem Fahrrad gekommen und spielten wohl, um sich etwas zu essen kaufen zu können. Aber das taten sie gut: 



Von Kunst verstehe ich leider nicht zu viel, ich bin aber immer beeindruckt, wenn sich Menschen offenkundig über die Qualität und Stärken bestimmter Bilder fachmännisch unterhalten können. Solchen Gesprächen konnte man viel lauschen, wir schauten uns aber einfach die Gallerien an, die zum größten Teil in kleinen denkmalgeschützten Häusern untergebracht waren.Und auf einmal stand ich dem Papst gegenüber. Zugegeben, ich war erschrocken. 


Unsere Freundin wuselte die ganze Zeit herum, wir trafen sie und ihren Freund später wieder und sie kündigte uns ein Konzert der Band ihres Bruders an. Natürlich würden wir uns das anhören, schon allein, weil es nach der Beschreibung "psychedelischer Rock" wohl besser sein würde, als alles, was wir davor gehört hatten. Wir nahmen auf den Strohballen vor der Bühne Platz, bekamen es aber bald mit der Angst zu tun, weil die Funken aus den Schwedenfeuern angefacht durch den Sturm der aufkam, sehr nah an ebendiese Strohballen heranflogen. Der Himmel verdüsterte sich zusehends...





Die Athmosphäre war klasse, die Musik war gut, aber leider leider fing es nach sehr kurzer Zeit an, wie aus Kübeln zu gießen. Gemeinsam mit dem restlichen Publikum suchten wir Zuflucht unter den über die Bühne gespannten Sonnensegeln, die das Wasser weitgehend abhielten, aber leider war damit der Abend für uns gelaufen. Mehr oder weniger durchweicht wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, uns eine deftige Erkältung zu holen und fuhren nach Hause.
Dennoch ein sehr gelungener Abend. Kallmünz ist ein wunderschönes Örtchen, das man dringend mal besuchen sollte. Ich will auf jeden Fall nochmal hin, um mir die Burgruine anzuschauen. 

Und hier noch etwas Werbung:

 

Mittwoch, 1. August 2012

Constanta und Vama Veche

The end has a start


Die erste Etappe meiner Südosteuropa-Reise war am 21. Juni Constanta, die Perle der rumänischen Schwarzmeerküste, wie ich es mir vorstellte. Im Abteil des Nachtzugs war ich am Morgen, genau genommen seit Bukarest, allein. Ich schaute aus dem Zugfenster und wurde so langsam nervös. Das erste Mal an der Schwarzmeerküste und zugleich der Beginn eines großen Abenteuers. Denn so fühlte ich mich tatsächlich: zwei abenteuerliche Wochen lagen vor mir. Es war aber auch das Ende meines Erasmusaufenthalts, ich hatte bereits Cluj hinter mir gelassen und bald würde ich auch Rumänien vorerst verlassen. Ein gelungener Ausstieg aus dem Auslandssemester, der nun beginnen sollte.


Das Casino in Constanta


Es war heiß in Constanta, ich fand mich schnell zurecht und versuchte, zum Stadtzentrum zu gelangen. Ich wollte bei einer Couchsurferin pennen, die mich zunächst aber wegdrückte, als ich sie anrief. Ich war etwas verwirrt, aber schließlich rief sie zurück. Ich machte mir bereits etwas Sorgen, ob auch alles klappen würde, aber nach einem Marsch durch Constanta mit 25kg Gepäck (ich hatte ja mein ganzes restliches Auslandssemester eingepackt), traf ich sie dann am Strand. Wir sprangen kurz ins Wasser und weil sie sich nachmittags ausruhen wollte, erkundete ich allein noch etwas die Stadt, genau genommen das Historische Museum und das Römische Mosaik. Abends gingen wir gemeinsam zum Vergnügungspark, das heißt, neben mir waren die ganze Zeit noch eine Freundin und ihre Schwester dabei. Ich schlief am nächsten Tag lang, nur um festzustellen, dass meine Gastgeberin selbst nicht da war, sondern nur ihre Schwester und Freundin. Da die beiden Mädels kaum Englisch sprachen, beschloss ich, ein wenig allein rauszugehen und machte mich fertig. Währenddessen fingen die Mädchen an, wie wild etwas zu suchen, im Wohnzimmer, wo ich geschlafen hatte. Ich erfuhr, dass die Freundin eine Kette suchte. Als ich gerade dabei war, mich mit Sonnencreme zu marinieren, kam meine Gastgeberin wieder, empfahl mir, wegen der Hitze besser noch zu bleiben, also blieb ich, und sie beteiligte sich an der Sucherei. Ziemlich schnell war klar, dass ich die Hauptverdächtige war, obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es so richtig ging, weil ich ja in dem Zimmer geschlafen hatte. Nachdem ich meinen  Rucksack vor aller Augen einmal komplett ausgepackt hatte, packte ich ihn wieder sorgfältig zusammen, sogar sehr viel ökonomischer und praktischer und beschloss zu gehen. Ich wusste, dass ich damit nur noch mehr Verdacht auf mich ziehen würde, aber da die Kette offensichtlich verloren gegangen war, konnte ich auch nichts tun, um den Verdacht auszuräumen und wollte nicht noch einen Tag in dieser seltsamen Athmosphäre der Anschuldigungen bleiben. Noch im Bus sendete mir meine Gastgeberin eine SMS, ich sollte doch bitte die Kette zurückgeben. Ein echt seltsames Erlebnis. Es brachte mich um die Möglichkeit, das Casino von innen und den Hafen von Nahem zu sehen, da ich Constanta fluchartig verließ - nach Mangalia, von wo aus ich weiter nach Vama Veche wollte.


In Mangalia dauerte es eine Weile, ehe ich mich orientiert hatte. Ich dachte schon, ich würde keinen Bus nach Vama Veche finden und deshalb eine Nacht bleiben - halb so schlimm, einen Strand und eine Pension gab es hier wohl auch, noch dazu ein archäologisches Museum. Aber schließlich saß ich an der richtigen Stelle auf dem Bordstein und wartete, und schließlich bog der richtige Bus um die Ecke. Ich fuhr bis Vama Veche, wo ich, mit meinem riesigen Trekkingrucksack hin und her wankend, aus dem Minibus stieg.



Eine ältere Frau kam auf mich zu und fragte, ob ich eine Unterkunft bräuchte und ich sagte gleich ja. Zehn Meter von der Bushaltestelle war der riesige Hof mit Weinreben, ein paar niedrigen Gebäuden mit ein paar Zimmern und vielen schattigen Sitzgelegenheiten. Es war Zufall, dass ich da landete, aber ich konnte mich über mein Einzelzimmer für 50 Lei mit Toilette und Dusche auf eben diesem Weinrebenhof nicht beschweren, es war einfach muggelig.



Ich ging sofort zum Strand und verbrachte eigentlich fast den ganzen restlichen Tag da. Irgendwann rief ich noch bei der Busgesellschaft an, die ein Schild an der Bushaltestelle hatte, auf dem Werbung für den Bus nach Varna um 9.00 morgens gemacht wurde. Ich reservierte einen Platz und verbrachte den Abend am Strand, beschallt von schlechter Musik an den Strandbars. Davor hatte ich einen riesigen griechischen Salat mit ganz viel weichem Balkankäse verspeist und einen viel zu starken Cocktail getrunken - ich war also eigentlich vorbereitet für eine lange Nacht.
Der Grund, warum diese dann doch nicht allzulang war, war eben die Musik, die mir in keiner der Clubs am Strand so recht zusagte und dass Publikum, dass von Hippies über Möchtegernhippies bis zu Prollos reichte. Zur Musik: In etwa das gleiche, was man überall hört, wenn man irgendwo zwischen Bukarest und Flensburg das Radio aufdreht oder in eine Mainstream-Disko geht, also aktuelle Charts, aber vor allem das Beste aus den '80ern, '90ern und von heute. Spricht ein breites Publikum an, ist auch mal ganz witzig, war aber an diesem Abend definitiv nicht mein Fall. Zu den Menschen: Ich sah an diesem Tag oft ein paar Menschen, die mir auffielen, wie die junge Frau, die einfach die ganze Zeit, auch abends noch, im Ortszentrum wie am Strand barbusig herumlief. Vama Veche ist ganz nett, das wilde Campen am Strand, was offiziell geduldet ist, sicher auch, aber eins ist es sicher schon seit ein paar Jahren nicht mehr richtig: Hippie. So viele Bars und Shops am Strand, die gleichen modischen pseudo-alternativen Billigsachen wie überall und der gleiche Wunsch wie überall, jung und wild zu sein. Um aber irgendwie noch ein bisschen aus der Masse herauszustechen sieht aber das Mädel zum Beispiel schon gar keine andere Möglichkeit mehr, als ohne Oberteil herumzulaufen, weil ja alle ach so hippie sind. Und die größte rumänische Biermarke - Ursus - wünscht mit Plakaten am Strand eine schöne Übernachtung im Hotel der tausend Sterne. Anti-anti-anticapitalista?






Für mich ging es deshalb ziemlich schnell nach einer Nacht weiter, das hat gereicht. Als ich an der Haltestelle stand und auf den Bus nach Varna wartete, unterhielt ich mich noch mit einem besoffenen Kerl, der ergebnislos versuchte, in Richtung Bulgarien zu trampen, aber eigentlich in Richtung Constanta wollte (dass er sich besser an die andere Seite stellen sollte, glaubte er mir nicht). Dass so kurz vor der Grenze niemand anhielt, um einen saudreckigen Menschen, ohne Schuhe, Pass und Geld, dafür aber mit einer Menge Restalkohol im Blut, mitzunehmen, war ja klar. Ich bot ihm an, ihm 5 Lei für den Bus zu geben, das wollte er aber nicht. Als irgendwann mein Bus kam, enterte er diesen ebenfalls, wobei ich zu diesem Zeitpunkt dann schon eher den Gesichtsausdruck "nein, der gehört NICHT zu mir" versuchte, konnte dann aber vom Busfahrer überzeugt werden, dass es die falsche Richtung für ihn sei, weil wir nach Bulgarien fuhren. Wir erreichten die bulgarische Grenze nach kurzer Zeit. Hier würde ich nichts mehr vestehen, hier würde das Abenteuer erst anfangen, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...


Sonntag, 29. Juli 2012

Es ist weiterhin heiß in Bukarest

  Politik in Europas Südosten





Piata Unirii, Bucuresti, 23.15 Ortszeit


Im Stadtbild von Bukarest fallen überall Läden und Werbungen für Sportwetten auf. Scheinbar lassen viele Rumänen realtiv viel Geld in Wettbüros. Ob man auch auf das Referendum um die Absetzung Traian Basescus als Präsidenten Rumäniens wetten konnte, ist mir unbekannt. Aber es wird knapp und somit hätte sich das wohl für die Wettbüros gelohnt, denn für die Rumänen, mit denen ich so sprach, war das Ergebnis nicht vorhersehbar. Beziehungsweise wussten sie nicht so genau, welche Seite mit Manipulationen und Betrügereien mehr erreichen würde.

Pe scurt [in Kürze]: In Rumänien gab es einen politischen Wandel, nachdem eine Koaltionspartei die Seiten gewechselt hatte und sich mit der Opposition zusammenschloss. Die Regierung wurde ausgetauscht und Ponta wurde Premierminister. Dieser versuchte in relativ kurzer Zeit relativ viel Macht für seine Partei zu gewinnen, und tauschte auf allen wichtigen Posten die Beamten gegen Leute seiner Parteilinie aus. Der letzte Schritt war die Absetzung des Präsidenten. Die Absetzung ging durch das Parlament, damit sie rechtskräftig ist, müssen sich aber auch die Mehrheit der Rumänen in einem Referendum dafür aussprechen, dessen Mindestbeteiligung bei 50% der Wähler liegt. {Sueddeutsche.de: Link}
Im Straßenbild von Bukarest dominieren seit Beginn meines Aufenthaltes Plakate mit "Români, hai la referendum! Basescu, hai, la revedere!" [Rumänen, auf zum Referendum! Basescu, geh, auf Wiedersehen!] und ähnlichem, nur hier und da ist ein "NU stinge flacara democratiei!" [NICHT die Flamme der Demokratie auslöschen!] zu sehen. Die Absetzung ist nämlich, aufgrund Pontas Marsch durch die Institutionen, sehr umstritten und würde Rumänien, aus weltpolitischer Sicht, im Moment wohl eher schaden, da es somit an Glaubwürdigkeit und Kontinuität verliert.

Wie die Wähler nun entschieden haben, ist unklar. Höchst wahrscheinlich wird das Quorum nicht erreicht, weil bis 21 Uhr (die Wahllokale hatten aufgrund der Sommerferien von 7 bis 23 Uhr geöffnet) nur ca. 44% der Wähler zur Wahl gingen {Agerpress.ro: Link 2 - engl.}. Allerdings ist es auch gut möglich, dass noch Stimmen "gefunden" werden und das Quorum noch geschafft wird. Auf dem Universitätsplatz (der auch einer der Hauptschauplätze der Revolution im Dezember 1989 ist), skandierte eine kleine Menschenmenge "Jos Basescu!" [Nieder mit Basescu] und schwenkte rumänische Fahnen. Einige davon mit Loch in der Mitte. Ob die Demonstranten nur kommunistische Fahnen mit dem entsprechenden Emblem zu Hause hatten und dieses lieber ausschnitten, bevor sie das Haus verließen, ist fraglich, wahrscheinlicher ist, dass dies eine Anspielung auf die Revolution '89 sein sollte, als eben solche Fahnen geschwenkt wurden, damals wurde eben symbolhaft das kommunistisch Emblem aus der Mitte entfernt. Wenn das Quorum erreicht wurde, was viele zu glauben scheinen, wird Basescu ganz klar gehen müssen, soviel steht fest, denn die, die zur Wahl gingen, stimmten für seinen Rücktritt. Auf der Straße hörte ich Wortfetzen wie "e fraudat" [es ist gefälscht] und "eu personal am vazut cu ochii mei" [ich selbst habe es mit eigenen Augen gesehen]. Die Menschen in der Unterführung am Universitätsplatz versammelten sich in einem Café, um im Fernsehen die aktuellen Meldungen zu sehen, als ob Rumänien in der Europameisterschaft Fußball spielte. Die Jandarmerie ist um den Platz so präsent, als ob serbische Hooligans zu eben diesem Spiel unterwegs wären und es in der Uniturnhalle stattfände. Bis morgen früh wird man jedoch kaum etwas genaues wissen. {Hotnews.ro: Link 3 - rum.}Nach allem, was ich gehört habe, hoffe ich, dass Basescu vorerst bleiben kann, denn diese Kampagne, die hier gegen ihn gestartet wurde, scheint nicht mit rechten Dingen zuzugehen.

Ich bin nicht die einzige, die neugierig auf das Ergebnis ist.

Samstag, 28. Juli 2012

Bukarest bei 38°C




In Bukarest ist es verdammt heiß und auch wenn es dunkel wird - recht früh so gegen halb neun, glaube ich - bleibt es drückend heiß. So eine Stadt kühlt eben über Nacht nicht ab, das merkt man. Das hat aber auch etwas Gutes - kein lästiges Jäckchen-Mitschleppen zum Weggehen. Gestern wollte ich mit den anderen vom Sprachkurs tanzen gehen. Wir trafen uns um zehn an der Uni, warteten noch eine halbe Stunde auf Nachzügler und setzten uns im Centrul Vechi (Altes Stadtzentrum) in eine Bar, bzw. deren Freisitz zur Fußgängerzone. Es wurde mal wieder abenteuerliches Rumänisch gesprochen, was uns im Allgemeinen hier als Lingua Franca dient und es war echt witzig. Nach einem Ciuc Nefiltrat [ungefiltert], ging es weiter, das heißt, dazwischen warteten wir natürlich wieder ewig auf irgendjemanden, aber dann gingen wir noch in einen Club, wo Indie-Rock gespielt wurde. Ich war ewig nicht mehr zu solcher Musik tanzen, aber es war richtig richtig gut, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen zu viele Oldschool-Klassiker drunter gemischt wurden. Nach einem weiteren Bier und einem Wodka-Apfel machte ich mich gegen halb drei allein auf den Heimweg. Ich hatte keine Ahnung, wie die Nachtbusse fahren würden und wollte ohnehin laufen. Schon auf der Tanzfläche hatte ich die ganze Zeit ein breites Grinsen auf dem Gesicht gehabt. Ich hatte auch auf dem Nachhauseweg noch richt gute Laune. Ich dachte gerade darüber nach, was ich so in nächster Zeit in meinem Leben anstellen würde, da sah ich die alte, offensichtlich geistig verwirrte Frau, die ich am Tag schon zweimal gesehen hatte, auf dem Mauerabsatz vor einem Schaufenster liegen und schlafen. Es wird ihr nicht schaden, ich denke selbst gegen Morgen sinkt die Temperatur nicht unter 25°C, aber dieses Bild katapultierte mich zurück in die Realität. Müde lief ich weiter nach Hause, nicht völlig deprimiert, aber etwas nüchterner. Als ich fast stolperte, hörte ich einen Mann fragen, ob er mir helfen kann, aber ich trottete stumm weiter. Die Menschen, die mir entgegenkamen, kamen mir jetzt seltsamer vor.

Arme Menschen, Obdachlose und Roma gehören zum Straßenbild in Bukarest dazu, eigentlich auch in der ganzen Innenstadt. Irgendwie ist das auch gut, denn es erinnert einen, wo man ist und wie die Verhältnisse hier sind. Ich habe bereits zwei sehr junge nackte Romamädchen auf irgendwelchen dreckigen Treppenstufen gesehen, heute Mittag eine alte Frau, die auf dem Gehweg lag und aussah, als würde sie sehr bald sterben. Ich fühle mich ohnmächtig, wenn ich das sehe. Aber das ist eben hier die Realität und so traurig es ist: Es ist unmöglich, all diesen Menschen zu helfen.



Heute morgen war ich relativ früh wach, denn ich wollte zum Flohmarkt. Ich habe schließlich fast zwei Stunden gebraucht, bis ich da war. Zunächst mit der Metro, dann den Bus nicht gefunden, deswegen doch noch ein Stück Metro, dann die Anschlussmetro kaputt und auf die nächste warten, dann noch ein gutes Stück hinlaufen. Es hat sich trotzdem gelohnt.
Ich habe tatsächlich ein Ladekabel für mein uraltes Samsunghandy gefunden (das alte ist in Istanbul geblieben, vermutlich), eine Handtasche und ein paar Schuhe. Der Flohmarkt war bei Weitem nicht so schön, wie der in Cluj. Er war sehr ramschig, aber ich war auch sehr spät dran. Ich wurde beim Kauf des Ladekabels (für das ich zuviel bezahlt habe mit 12 Lei, aber dass ich immerhin von 20 runtergehandelt habe), für eine Moldauerin gehalten, das fand ich amüsant. 





In der brütenden Hite machte ich mich schließlich zurück auf den Weg ins Appartment, um meine Schätze wegzubringen und um ins Nationale Historische Museum zu starten. Das wird - wie in Cluj auch - natürlich gerade renoviert und die Sonderausstellungen mochte ich mir nicht anschauen. Kurzerhand beschloss ich dann, stattdessen das Nationale Bauernmuseum zu besuchen, von dem meine Rumänischdozentin immer so geschwärmt hat. Es hat sich tatsächlich gelohnt, das Museum ist sehr schön aufgearbeitet, aber ich war sehr schnell gelangweilt und finde diese ganze Betonung der nationalen bäuerlichen Kultur in Rumänien sowieso übertrieben. Ich bin sehr schnell durchgelaufen, habe es aber nicht bereut. Fotos durfte man im Übrigen keine machen. Es waren genausoviele Museumswärterinnen wie Besucher anwesend, die diese dann mit Argusaugen beobachtet und Fotos verhindert haben.

Die Treppe im Foyer des Bauernmuseums