Mittwoch, 25. September 2013

Wie aus Dorfkindern Städter werden

Ich bin wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der DDR geboren. Ich bin ein Dorfkind, aufgewachsen auf einem Hof, der etwas abseits eines Dorfes mit etwa hundert Einwohnern liegt. Früher, aber daran kann ich mich schon nicht mehr erinnern, hatten meine Eltern Schafe, Schweine und Hühner. Nicht nur für die eigene Versorgung, auch für Tauschgeschäfte war es praktisch, ein paar Tiere zu halten. Und die Schafe mähten eben den Rasen.
Meine Großeltern wohnten in einem anderen Dorf, in einer Siedlung, aber sie hatten einen großen Garten. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie früher sogar noch zusätzlich einen Schrebergarten hatten, den meine Großmutter ebenfalls bewirtschaftete. Die zahlreichen Einweckgläser, die seit bestimmt zwanzig oder dreißig Jahren im Keller stehen, zeugen von reichen Ernten. Meine Großmutter hat nie aufgehört, Marmelade zu machen oder Kirschen einzukochen oder grüne Bohnen einzufrieren. Als ich noch Kind war, habe ich ihr geholfen und es hat mir Spaß gemacht, Kirschen zu entkernen oder Erbsen zu sähen. Der Großteil des Gartens wurde mit Gemüse bepflanzt. Mein Opa steckte Kartoffeln und meine Oma pflanzte Tomaten. In den Jahren, als man den beiden das Alter immer mehr anmerkte, argumentierte ich immer häufiger, es gäbe doch heutzutage alles zu kaufen. „Aber das schmeckt nicht so gut.“, erwiderte meine Großmutter und ich muss mir eingestehen, dass sie recht hatte. Ihre Erdbeeren waren hundertmal besser als gekaufte.

Meine Freunde und ich haben keine aktiven Erinnerungen an irgendeine Zeit der Entbehrungen oder daran, dass es irgendetwas nicht zu kaufen gab. Wir sind in Gesamtdeutschland zur Schule gegangen, haben Abitur gemacht und die Welt stand uns offen. Wir konnten studieren, was wir wollten, oder, wenn wir es nicht gleich wollten, auch Au Pair oder Freiwilliges Ökologisches Jahr machen. Wir konnten uns ausprobieren, landeten aber letztendlich alle in Städten. Wir lebten in Studentenwohnheimen oder Wohngemeinschaften und und lernten andere Menschen unseres Alters kennen. Wir gingen auf Partys und ins Theater, saßen in der Universitätsbibliothek und in Vorlesungen zu abstrakten Themen, von denen in den wenigsten Fällen unsere Eltern, sicherlich aber kaum unsere Großeltern eine Ahnung hatten. Wir fingen an, ökologischer zu denken, der eine mehr, der andere weniger. Meine Großmutter verstand nicht, dass ich kein Fleisch mehr esse. Biosupermärkte suchten wir bei unseren Besuchen zu Hause in der Kleinstadt vergeblich. Und beim Joggen durch die dörfliche Idylle werde ich von den Bewohnern seltsam angeschaut.
Kurz, wir genossen die Annehmlichkeiten der größeren Städte, wie das kulturelle Angebot und die Mobilität. Die meisten von uns genießen es noch immer und werden wohl dort bleiben, wo Jobs für Akademiker sind, man in Mietwohnungen wohnt.

Ich habe den Schritt zurück gewagt. Nur halb freiwillig, aber doch mit freudiger Erwartung, habe ich mir gesagt, dass ich es probiere. Und als ich dann auf dem Dorf angekommen war, meine Umzugskisten in den Abstellraum im Haus meiner Großeltern gestapelt hatte, stellte ich fest, dass ich nicht mehr hineinpasse. Das ich jetzt zwar die rumänische Nationalstaatsbildung herunterbeten kann, aber nicht weiß, wie man Tomaten pflanzt. Geschweige denn, zum örtlichen Feuerwehrfest gehen kann, ohne mich zu verstellen.
Obwohl ich nie in einer Großstadt gelebt habe, bin ich zum Stadtmensch geworden. Das Leben in einem Haus mit Garten überfordert mich zuweilen, bin ich doch an ein bis zwei Zimmer gewöhnt. Wie moderne Städter interessiere ich mich trotzdem für Tomatenanbau und Marmeladekochen. Und so lerne ich wieder, wie man gärtnert und Obst verarbeitet. Meine Tomaten wachsen kreuz und quer und die roten Früchte hängen in verschiedenen Richtungen schwer auf die Erde hinab. Um Erdbeeren zu pflücken, muss ich mich durch einen Unkrautdschungel schlagen, so dass ich am Ende voller kleiner klettiger Samenkapseln bin. Aber das ist alles nicht das Problem.

Das eigentliche Problem ist die Bildung, die mich gewissermaßen verdorben hat. Mit dem jungen Klempner, den ich für Probleme mit der Heizung rufen muss, habe ich keine gemeinsamen Themen und vor der Dorfdisko, wo ich Leute in meinem Alter treffen könnte, graut es mir. Ich bin nicht besser als sie, bloß weil ich einigermaßen hochdeutsch rede und schon mal von Foucault gehört habe. Wir könnten wohl einfach nichts mehr miteinander anfangen. Auch über die Dorfrituale weiß ich nichts. Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, wann in der Nachbarschaft jemand Silberhochzeit hat oder wer gerade verstorben ist, weiß ich nicht, wie viel Geld man in eine Karte zur Konfirmation steckt oder ob erwartet wird, dass ich mich beim Dorffest blicken lasse.

Vermutlich sterben die Dörfer tatsächlich irgendwann aus und werden ersetzt durch urbane Großräume. In den ländlichen Regionen werden Städter leben, die es ruhig mögen, die aber keinerlei Bezug zu dörflichen Traditionen haben. Ein paar Ausnahmen bilden hier einige Gemeinschaftsprojekte von engagierten Leuten, denen es schon noch um das Zusammenleben geht. Die Neudörfler allerdings tragen eher ihren Wunsch nach Anonymität in die Dörfer, kombiniert mit dem Verlangen nach Ruhe und selbst angebauten Tomaten.
Ist diese Entwicklung schlecht? Sicher nicht nur. Sie kann im Endeffekt die Dörfer am Leben erhalten. Denn selbst wenn die Menschen in der Stadt arbeiten, wollen sie auch auf dem Dorf eine lebenswerte Umgebung, brauchen einen Handwerksbetrieb vor Ort und gehen vielleicht ab und zu in die Eisdiele oder beim Bäcker Brötchen kaufen. Vielleicht trägt das ja am Ende zu einem lebendigerem Umfeld für alle bei.

Ich habe den Selbstversuch unterdessen abgebrochen und wohne wieder in einer Großstadt im achten Stock eines Blocks. Diese Entscheidung hatte zwar vor allem berufliche Gründe, aber ich habe doch auch gemerkt, dass ich mein Leben nicht auf Marmeladekochen und Tomatenanbau gründen kann, im Moment zumindest nicht. Denn ich nahm die Chance gerne war, herauszukommen und mich neuen Herausforderungen zu stellen, die nichts mit Schneckenbekämpfung oder Mardervertreiben zu tun haben.

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