Ich bin wenige Jahre vor dem
Zusammenbruch der DDR geboren. Ich bin ein Dorfkind, aufgewachsen auf
einem Hof, der etwas abseits eines Dorfes mit etwa hundert Einwohnern
liegt. Früher, aber daran kann ich mich schon nicht mehr erinnern,
hatten meine Eltern Schafe, Schweine und Hühner. Nicht nur für die
eigene Versorgung, auch für Tauschgeschäfte war es praktisch, ein
paar Tiere zu halten. Und die Schafe mähten eben den Rasen.
Meine Großeltern wohnten in einem
anderen Dorf, in einer Siedlung, aber sie hatten einen großen
Garten. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie früher sogar noch
zusätzlich einen Schrebergarten hatten, den meine Großmutter
ebenfalls bewirtschaftete. Die zahlreichen Einweckgläser, die seit
bestimmt zwanzig oder dreißig Jahren im Keller stehen, zeugen von
reichen Ernten. Meine Großmutter hat nie aufgehört, Marmelade zu
machen oder Kirschen einzukochen oder grüne Bohnen einzufrieren. Als
ich noch Kind war, habe ich ihr geholfen und es hat mir Spaß
gemacht, Kirschen zu entkernen oder Erbsen zu sähen. Der Großteil
des Gartens wurde mit Gemüse bepflanzt. Mein Opa steckte Kartoffeln
und meine Oma pflanzte Tomaten. In den Jahren, als man den beiden das
Alter immer mehr anmerkte, argumentierte ich immer häufiger, es gäbe
doch heutzutage alles zu kaufen. „Aber das schmeckt nicht so gut.“,
erwiderte meine Großmutter und ich muss mir eingestehen, dass sie
recht hatte. Ihre Erdbeeren waren hundertmal besser als gekaufte.
Meine Freunde und ich haben keine
aktiven Erinnerungen an irgendeine Zeit der Entbehrungen oder daran,
dass es irgendetwas nicht zu kaufen gab. Wir sind in
Gesamtdeutschland zur Schule gegangen, haben Abitur gemacht und die
Welt stand uns offen. Wir konnten studieren, was wir wollten, oder,
wenn wir es nicht gleich wollten, auch Au Pair oder Freiwilliges
Ökologisches Jahr machen. Wir konnten uns ausprobieren, landeten
aber letztendlich alle in Städten. Wir lebten in Studentenwohnheimen
oder Wohngemeinschaften und und lernten andere Menschen unseres
Alters kennen. Wir gingen auf Partys und ins Theater, saßen in der
Universitätsbibliothek und in Vorlesungen zu abstrakten Themen, von
denen in den wenigsten Fällen unsere Eltern, sicherlich aber kaum
unsere Großeltern eine Ahnung hatten. Wir fingen an, ökologischer
zu denken, der eine mehr, der andere weniger. Meine Großmutter
verstand nicht, dass ich kein Fleisch mehr esse. Biosupermärkte
suchten wir bei unseren Besuchen zu Hause in der Kleinstadt
vergeblich. Und beim Joggen durch die dörfliche Idylle werde ich von
den Bewohnern seltsam angeschaut.
Kurz, wir genossen die Annehmlichkeiten
der größeren Städte, wie das kulturelle Angebot und die Mobilität.
Die meisten von uns genießen es noch immer und werden wohl dort
bleiben, wo Jobs für Akademiker sind, man in Mietwohnungen wohnt.
Ich habe den Schritt zurück gewagt.
Nur halb freiwillig, aber doch mit freudiger Erwartung, habe ich mir
gesagt, dass ich es probiere. Und als ich dann auf dem Dorf
angekommen war, meine Umzugskisten in den Abstellraum im Haus meiner
Großeltern gestapelt hatte, stellte ich fest, dass ich nicht mehr
hineinpasse. Das ich jetzt zwar die rumänische Nationalstaatsbildung
herunterbeten kann, aber nicht weiß, wie man Tomaten pflanzt.
Geschweige denn, zum örtlichen Feuerwehrfest gehen kann, ohne mich
zu verstellen.
Obwohl ich nie in einer Großstadt
gelebt habe, bin ich zum Stadtmensch geworden. Das Leben in einem
Haus mit Garten überfordert mich zuweilen, bin ich doch an ein bis
zwei Zimmer gewöhnt. Wie moderne Städter interessiere ich mich
trotzdem für Tomatenanbau und Marmeladekochen. Und so lerne ich
wieder, wie man gärtnert und Obst verarbeitet. Meine Tomaten wachsen
kreuz und quer und die roten Früchte hängen in verschiedenen
Richtungen schwer auf die Erde hinab. Um Erdbeeren zu pflücken, muss
ich mich durch einen Unkrautdschungel schlagen, so dass ich am Ende
voller kleiner klettiger Samenkapseln bin. Aber das ist alles nicht
das Problem.
Das eigentliche Problem ist die
Bildung, die mich gewissermaßen verdorben hat. Mit dem jungen
Klempner, den ich für Probleme mit der Heizung rufen muss, habe ich
keine gemeinsamen Themen und vor der Dorfdisko, wo ich Leute in
meinem Alter treffen könnte, graut es mir. Ich bin nicht besser als
sie, bloß weil ich einigermaßen hochdeutsch rede und schon mal von
Foucault gehört habe. Wir könnten wohl einfach nichts mehr
miteinander anfangen. Auch über die Dorfrituale weiß ich nichts.
Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, wann in der
Nachbarschaft jemand Silberhochzeit hat oder wer gerade verstorben
ist, weiß ich nicht, wie viel Geld man in eine Karte zur
Konfirmation steckt oder ob erwartet wird, dass ich mich beim
Dorffest blicken lasse.
Vermutlich sterben die Dörfer
tatsächlich irgendwann aus und werden ersetzt durch urbane
Großräume. In den ländlichen Regionen werden Städter leben, die
es ruhig mögen, die aber keinerlei Bezug zu dörflichen Traditionen
haben. Ein paar Ausnahmen bilden hier einige Gemeinschaftsprojekte
von engagierten Leuten, denen es schon noch um das Zusammenleben
geht. Die Neudörfler allerdings tragen eher ihren Wunsch nach
Anonymität in die Dörfer, kombiniert mit dem Verlangen nach Ruhe
und selbst angebauten Tomaten.
Ist diese Entwicklung schlecht? Sicher
nicht nur. Sie kann im Endeffekt die Dörfer am Leben erhalten. Denn
selbst wenn die Menschen in der Stadt arbeiten, wollen sie auch auf
dem Dorf eine lebenswerte Umgebung, brauchen einen Handwerksbetrieb
vor Ort und gehen vielleicht ab und zu in die Eisdiele oder beim
Bäcker Brötchen kaufen. Vielleicht trägt das ja am Ende zu einem
lebendigerem Umfeld für alle bei.
Ich habe den Selbstversuch unterdessen
abgebrochen und wohne wieder in einer Großstadt im achten Stock
eines Blocks. Diese Entscheidung hatte zwar vor allem berufliche
Gründe, aber ich habe doch auch gemerkt, dass ich mein Leben nicht
auf Marmeladekochen und Tomatenanbau gründen kann, im Moment
zumindest nicht. Denn ich nahm die Chance gerne war, herauszukommen
und mich neuen Herausforderungen zu stellen, die nichts mit
Schneckenbekämpfung oder Mardervertreiben zu tun haben.
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