Montag, 16. September 2013

Suceava und Stefan dem Großen seine Mutter

Gemeinsam mit einem Kollegen brach ich am Sonntagabend nach Suceava auf, da dort ab Montagabend ein Radioworkshop einer anderen Entsandten aus der gleichen Organisation wie ich stattfinden würde. Ich freute mich auf das Wiedersehen und zudem auf den Workshop, da ich mir erhoffte, auch noch ein wenig dabei zu lernen.
Die Fahrt nach Suceava dauert etwa 14 Stunden. Es gibt zwei Züge täglich, davon geht einer über Nacht. Da man sich zwar die Landschaft anschauen kann, aber das 14 Stunden lang auch nicht unbedingt immer interessant ist, entschieden der Kollege und ich uns für den Nachtzug. Zwei Tage vor Abfahrt wiesen wir ihn in der Redaktion noch darauf hin, dass es ja auch Liegewagen gäbe und man so die Nacht viel entspannter zubringen könnte. Er machte sich daraufhin auf, um noch die Reservierung zu kaufen.


Wir trafen uns kurz vor Zugabfahrt – er beladen mit Rollkoffer, Umhängetasche und einer weiteren Tasche, ich mit eher kleinem Rucksack und Umhängetasche, nur um noch mal die für mich eher unübliche Gepäckverteilung zu rekonstruieren – und machten uns auf, unserer jeweiligen Plätze zu suchen. Da diese so kurzfristig gekauft waren, waren sie an unterschiedlichen Enden des Abteils, aber ich setzte mich erst zu ihm ins Abteil, um zu quatschen, später kam er noch zu mir mir ins Abteil. 
Wir lernten uns somit schon mal gut kennen und verstanden uns gut, so dass wir auch am nächsten Tag keine Probleme hatten, als wir zusammen essen gingen und die Stadt erkundeten. Da wir morgens um neun ankamen, schauten wir erstmal im Büro der Kollegin von mir vorbei und uns dann gemeinsam den Veranstaltungsraum an. Weil wir noch etwas besorgen mussten, gingen wir auch noch kurz auf dem Markt vorbei und schauten nebenbei noch in eine Kirche. Ein kleiner Stadtrundgang also schon zu Anfang. Später checkten wir im Hotel ein, duschten erst einmal und gingen dann noch einmal allein die Stadt erkunden – unter anderem zur Burg hoch, die gerade restauriert wurde. Wir gingen einfach an den Bauarbeitern vorbei und fragten hin und wieder: „Se poate?“ [Darf man [hier rein]?], und wir durften eigentlich überall hin, egal ob das Gerüst fehlte oder gerade Teerbahnen verlegt wurden. Der Ausblick war ziemlich gut und die Grundlage für alle Stefan der Große Witze der gesamten Woche gelegt.


Die Stadt ist die Stefan der Große Stadt Rumäniens. Überall stolpert man über Denkmäler an ihn oder solche, die so aussehen, aber für seinen Sohn und späteren Thronfolger Petru Rares sind. 
Schulen wurden nach ihnen benannt und nach dem Stefan sogar die Universität. Und eine Statue zeigt auf zeitgenössische Art etwas, was wir eindeutig als „Ode an die Mutter [Stefans des Großen]“ interpretierten. Wir kamen auch auf die Idee, dass die alte Fabrikesse, die als Zentrum der Shopping Mall erhalten geblieben ist, eigentlich von ihm oder wenigstens seiner Mutter, eine Mamaliga-Schüssel haltend, gekrönt werden sollte. Wenn es zu schwierig ist, eine Bronzestatue da hoch zu hieven, kann man ja auch etwas aus Pappmaché aufstellen.

Wir schauten uns auch noch kurz das Kloster an, aber als sich in der Klosterkirche vor irgendeiner Reliquie die Gläubigen vor dem Pastor knieten, um gesegnet zu werden, wurde es uns ein wenig zu bunt und wir gingen wieder. Wir tranken noch eine Limo, respektive Pepsi auf einer Terasa und gingen dann zum Deutschen Kulturzentrum, wo der Kennenlernabend stattfinden würde. Sieben Jugendliche hatten sich eingefunden, um mit uns fünf Tage lang einen Radioworkshop zu machen. Bei ein paar Gebäckstücken näherten wir uns an.

In den nächsten Tagen folgten unzählige Stefan der Große Witze, ein Museumsbesuch, ein Besuch beim Architektenverein und Vorträge übers Radiomachen im „Haus der Freundschaft“.
 Außerdem gingen wir zweimal pro Tag essen, zudem gab es natürlich in unserem Hotel Frühstück in einem überdimensionierten anachronistischem Frühstückssaal. Typisch rumänisch – das heißt Omelett mit Schinken und Käse, kalte Platte mit Käse, Schinken, Gemüse und Ei sowie Kaffee oder Tee. Ich schaffte es tatsächlich, die kalte Platte ohne Fleisch und Ei zu bekommen und zwar täglich, trotz unerbittlichen Nachhakens der Kellnerin.


Ich war sei fünf Jahren nicht mehr in Suceava gewesen und fand es diesmal weit weniger hässlich als beim letzten Mal.
Busfenster!?
Krass ist, dass die Kommunisten tatsächlich fast die ganze österreichisch geprägte Innenstadt plattgemacht hatten, um sie du
rch sozialistischen Betonrealismus zu ersetzen. Ansonsten würde Suceava vielleicht ähnlich aussehen wie Timisoara, oder eher Czernowitz. Aber so sieht Suceava eben aus, wie jede andere rumänische Stadt, in der der Kommunismus besonders heftig gewütet hat. Dennoch, die Stadt ist eigentlich ganz hübsch, sauber und ziemlich belebt.

Die Radiobeiträge der Schüler überraschten mich. Die Zweifel vom Anfang, ob man mit Schülern, die Deutsch nur als zweite Fremdsprache lernten, einen deutschen Radiobeitrag zusammenbauen konnte, zerstreuten sich. Alle Beiträge waren gut und vor allem sehr interessant, aus verschiedenen Bausteinen aufgebaut und einige waren ganz schön lang geworden. Nach der Abschlusspräsentation machte ich mich mit dem Kollegen wieder auf den Weg zum Bahnhof, wo wir den Nachtzug erwischen wollten. In einem vollen Abteil neben einer einzelnen Frau und einer dreiköpfigen Familie richteten wir uns in den oberen Liegen ein und schliefen ziemlich lange. Kurz vor zehn hielt ich es dann aber doch nicht mehr im Bett aus und begab mich in ein leeres Abteil, wo ich noch ein wenig las. Die vorbeiziehende Landschaft mit kleinen Dörfern, Pferdewagen und bekopftuchten Omas passte perfekt zu der Athmosphäre der bosnischen Stadt Wischegrad aus dem Buch.

Wer Stefans Mutter war, konnten wir im Endeffekt dann doch nicht so ganz klären, wir fanden nur heraus, dass der Gute wohl ein Bastard war. Ebenso übrigens Petru Rares, sein Sohn, der ihm irgendwann auf den Thron folgte und vermutlich ein Nichtsnutz war, da unter ihm die Festung der Stadt, die sein Vater noch so tapfer verteidigt hatte, eingenommen wurde.


Leider hat die Zeit nicht für einen Ausflug in die Bukowina gereicht. Das wäre sicher schön gewesen, aber so muss erstmal ein musikalischer Ersatz herhalten...









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