Mittwoch, 8. Januar 2014

Blog-Umzug

Ich bin schon lange nicht mehr verloren in Cluj. Vielleicht eher gefunden im Osten? Die neue Adresse ist jedenfalls:

im-osten.blogspot.de

 

 


Die Begründung für den Umzug gibt es ebenfalls schon auf dem neuen Blog. Ein kleiner Anreiz, gleich mal reinzuschauen. Die Umstellung wird nicht schwer fallen - eigentlich sieht alles gleich aus. 

Montag, 6. Januar 2014

Der Sonne entgegen

Die Tage waren gezählt und von der Urheimat musste ich wieder nach Hause - von Sachsen nach Timisoara. Mit dem guten alten Karlchen "Carol" von Großzschepa, dem alten Clio sollte diese Monstertour bewältigt werden: etwas mehr als tausend Kilometer in zwei Tagen mit nächtlichem Zwischenstopp in Bratislava. Und was bedeutet nach Südosten fahren in Kombination mit der alten Weisheit, dass im Osten die Sonne aufgeht? Richtig, es ging immer der Sonne entgegen!

I came in like a wrecking ball...


Los ging es in einem kleinen Dorf in Sachsen gegen halb zehn, die erste größere Pause wurde irgendwo in der Nähe von Prag bei einer Käsepizza gemacht. Dicker Nebel in ganz Tschechien ließ mich von der Idee Abstand nehmen, noch eine Pause bei einer mährischen Schlossanlage zu machen. Man hätte wohl das Schloss vor Augen nicht gesehen. Und so näherten wir uns Bratislava, nachdem die zweite Vignette des Tages auf die Scheibe gepappt war.

Ausblick vom Hostel-Zimmer - vielleicht schlief ich deshalb so schlecht?

Mithilfe des Navis fanden wir recht schnell das Hostel, wo wir ein Doppelzimmer gebucht hatten. Doch bevor wir dies bezogen, wollten wir noch raus, uns etwas die statt ansehen. Glücklicherweise lag die Altstadt nicht weit vom Hostel und so kraxelten wir sogar zur Burg hoch, wenn auch nicht ganz, denn den Burghof fanden wir schon verschlossen. Es reichte aber auch. Bei mir zeigten sich erste Anzeichen einer unschönen Erkältung. Da war es besser, einen ruhigen Schritt einzulegen. Die nächste Frage war die nach dem Abendessen. Ich hatte vor vier Jahren ganz gut in einer Kneipe in der Nähe des Theaters gegessen und nach ein klein wenig Sucherei fanden wir das Lokal recht schnell.

Ein paar Eindrücke von Bratislava:






Danach wuselten wir nur noch zurück zum Hostel, wo ich über Schmerzen klagte und unruhig schlief - schon allein weil mir vor der Fahrt am nächsten Tag graute. Nocheinmal 500km standen uns bevor und das in meinem Zustand von Grippeanflug mit Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Gliederschmerzen, Unwohlsein. Um acht standen wir auf, eine dreiviertel Stunde später hatten wir auch unseren Schlüsselpfand zurück und konnten Karel, unseren treuen Begleiter satteln. Mir war schlecht und ich fühlte mich richtig mies. Nach einem Tee, einem Keks und einem Orangensaft als wir bereits in Ungarn waren, ging es ein wenig besser. Beim nächsten Tankstopp hatte ich schon Appetit auf einen Müsliriegel und für vielleicht hundert Kilometer konnte ich wieder einigermaßen klar denken.

Zum Glück hat Karl "Károly" den ungarischen Autobahnparkplatz unbeschadet überlebt.


Irgendwann kamen wir dann an einen Grenzübergang, der definitiv schon bessere Tage gesehen hatte. Bereits an der slowakisch-ungarischen Grenze war es seltsam gewesen, einfach so durchzufahren, durch die Grenzstation, die aussah, wie eine alte Filmkulisse für ein Roadmovie, die nun seit Jahrzehnten nicht mehr gebraucht wurde und dem Verfall überlassen. Auch an der ungarisch-rumänischen Grenze erschien der Grenzposten wieder überdimensioniert für diese inzwischen kaum noch benötigte Grenze. Ein Europa - was das bedeutet, wird spätestens klar, wenn man an zwei Tagen in fünf Ländern ist und von zwei davon nur die Autobahn und deren Raststätten sieht. Keine Grenzkontrollen und überhaupt die Natürlichkeit, mit der sich österreichische, slowakische, deutsche und rumänische Kennzeichen auf ungarischen Autobahnen mischen. So viele Probleme auch mit Europa und dem Euro verbunden werden - es ging uns nie besser und es war nie friedlicher in unserem Europa.

Kurz vor der rumänischen Grenze hörte die Autobahn auf. In Rumänien gibt es sowieso bloß ein paar Kilometer Autobahn hier und da und der Westen gehört nicht zum Hauptverbreitungsgebiet zweispuriger Schnellstraßen. Dennoch kamen wir schnell voran, meist in Kolonne und einzelnen Fußgängern am Fahrbahnrand ausweichend. Jetzt muss ich sogar schmunzeln bei dem Gedanken an die Fußgänger und Fahrradfahrer, die wie Selbstmordkommandos an den Hauptstraßen entlangwuselten. Willkommen zu Hause. 

Dienstag, 31. Dezember 2013

Streetart-Jahresendkalender - Tag 31


Frohes Neues!

Ich wünsche allen Lesern einen guten Start ins neue Jahr und viel Glück und Zufriedenheit für 2014.

(Mal wieder ein Fund aus Temeswar.)

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Streetart-Jahresendkalender - Tag 26

Weil es an einem besonderen Ort ist. 
Und die Schöngeistigkeit in Leipzig Connewitz wiederspiegelt.

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Streetart-Jahresendkalender - Tag 25




Ein bisschen Blasphemie zum Weihnachtsfeste wird erlaubt sein.
 Weil das Grafitti großartig ist und weil es sich in meiner momentanen Heimatstadt Temeswar befindet.

Dienstag, 24. Dezember 2013

Streetart-Jahresendkalender - Tag 24


Also, liebste Freunde, liebe Leser, geehrte zufällig Hergestolperte:
Frohe Weihnachten!
Ich wünsch Euch: Ruhe. Besinnlichkeit. So kitschig es klingt - Herz.

Agent K. findet sich an einem besonderen Ort in Belgrad. Hoffentlich hat er immer noch ein Auge auf die Nachbarschaft.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Linktipps: Sinnvoll spenden

Spenden ist ja meistens irgendwie sinnvoll. Aber trotzdem gibt es vielleicht Möglichkeiten zu spenden, die einem in einem bestimmten Moment sinnvoller erscheinen als andere. Ich stelle hier mal ein paar Sachen vor, wie man sinnvoll spenden kann.

Oxfam unverpackt


Schenk einen Haufen Mist statt nur einen Haufen Mist. Bei Oxfam kann man Ziegen, Schweine, oder eben Dung symbolisch verschenken. Die Geschenke gehen dabei tatsächlich an Menschen in Entwicklungsländern. Eine tolle Möglichkeit, zu spenden, zu schenken und gleichzeitig Verpackungsmüll und Konsumterror entgegenzuwirken.

Startnext


Eine deutsche Crowdfundingplattform. Man wählt selbst ein Projekt aus, dass man mitfinanzieren möchte. Dabei suchen vor allem Kreative hier Mitfinanzierer. Ist das Projekt erfolgreich - und nur dann - fließt das Geld zum Initiator, ansonsten wird es zurückerstattet. Außerdem gibt es für den Unterstützer ein Dankeschön, z.B. eine CD, eine Einladung zur Probe, eine Führung durch die Ausstellung.

Betterplace


Auch das ist eine Spendenplattform, auf der man recht konkret nach einem Projekt suchen kann, dass man unterstützen möchte - entweder nach Region oder nach Thema. Auch Zeitspenden, also ehrenamtliche Hilfe, und Sachspenden sind möglich. 

Pater Berno Stiftung

 

Einfach weil ich hier bin und weil ich begeistert bin über so viel Engagement. In Timisoara gibt es durch die Stiftung ein Nachtasyl, eine Armenspeisung, ein Hospiz, ein Straßenkinderprojekt und vieles mehr. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen gute Arbeit leisten und dass ein Großteil des Geldes ankommt. 

Hier ein Film über die Arbeit Pater Bernos in Timisoara:

Streetart-Jahresendkalender - Tag 19

Stencil, gefunden in Belgrad.

Montag, 16. Dezember 2013

Angewandter Balkanismus

Für einen, der von hier ist.

Rumänien, Südosteuropa, der Balkan – meine zweite Heimat und Sehnsuchtsregion. Gerade in schwierigen Situationen denke ich immer wieder, dass ich verrückt sein muss, mich für ein Leben hier zu entscheiden. Aber dann kommt wieder ein Moment, in dem ich merke, dass ich einfach hierher gehöre. In einer Zugfahrt durchs rumänische Hinterland beispielsweise befinde ich mich durch die Mischung aus aufkommender Nostalgie, vielleicht auch Ostalgie, und einer gehörigen Portion romantischer Verklärung im Land meiner Wunschträume.


Ich habe den Zug knapp erwischt. Natürlich gibt es nirgends an den Bahnsteigen Tafeln, die anzeigen, auf welchem Bahnsteig man sich befindet oder gar welcher Zug als nächstes abfährt. Die omnipräsenten Bahnbeamten können auch meist nicht weiterhelfen, erst recht nicht, wenn man einen Zug der privaten Bahngesellschaft nehmen muss. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass der Zusatz „R“ hinter der Gleisangabe bedeutet, dass der Zug von dem Teil des Bahnhofs abfährt, wo die Züge Richtung Reschitza fahren und sogar, wo diese Gleise sich befinden. Auch dort natürlich keine Nummerierung der Gleise, aber die vor dem Zug stehenden Kontrolleure meinten, ich sei richtig. Zwei, drei Minuten vor Zugabfahrt also in den Zug gehüpft, oder besser, mich an den steilen Stufen mithilfe des Haltegriffes einen Meter hoch gewuchtet. Im Zug ist es relativ voll, der Gang ist eng. Die Sitze aus braunem Kunstleder sehen dennoch gemütlich aus. In der letzten Reihe lasse ich mich neben zwei Herren nieder. Sie sitzen auf gegenüberliegenden Bänken am Fenster, ich fast in der Mitte. Kein Körperkontakt notwendig, der Sitz ist breit genug für drei oder vier Personen. Das ist gut. Ich fühle mich wohl neben den beiden, sie sind zurückhaltend. Nach ihren Gesichtern zu urteilen könnten sie Vater und Sohn sein, die Haares des Alten schon fast komplett weiß, der Jüngere nur angegraut. Ein markantes Gesicht hat er, der Alte. Früher, so sagt er, war er überall in Rumänien mit dem Lastwagen, aber früher war es ja auch anders. Als er die Kontrolleurin fragt, ob sie umsteigen müssen, ist das seinem Sohn irgendwie peinlich. Der Alte findet nichts dabei. „Mädchen, fährst du auch nach Reschitza?“ Ich bejahe. Viel reden wir nicht, ich bin in mein Buch und die Landschaft vertieft, die zwei mit sich beschäftigt. Auf spätere Fragen, wo wir seien, kann ich auch nur mit einem „Weiß nicht.“, antworten.
Ab und zu trifft sich mein Blick mit dem des dicken Mannes gegenüber. Er ließt „General Apostolescu in 'Die Spione' “. Das Buch ist so zerfleddert, dass ich den Titel nur erkennen kann, wenn er es gut festhält, sonst klappt das Titelblatt herunter. Irgendwann schlüpft der Leser in die knallrote Jacke eines Sicherheitsdienstes und steigt aus. Vermutlich um Spione, Bösewichte und Ladendiebe zu fassen.
Ich hüpfe noch eine Weile auf meinem gut gefedertem Sitz auf und ab und versuche mir, trotz der vorbeiziehenden spätherbstlichen Landschaft den Sommer vorzustellen. Die Tristesse von Dorfsportplätzen, auf denen am Wochenende wohl die Nachbardörfer gegeneinander zum Fußball antreten, erscheint hinter verdreckten Fenstern. Sie sehen verwaist aus in der kalten Jahreszeit. Ab und zu ein Bahnhof, das heißt, ein dreckiges Häuschen mit einem einzelnen Bahnvorsteher und einigen Streunerhunden, manchmal steigt sogar jemand aus oder ein. Große Ställe, vormals wohl landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften stehen zum Teil leer. Immer wieder Häuser, die unfertig oder schon wieder verfallen sind. Menschen auf Fahrrädern. Einzelne Kuhhirten. 



Aber wenn ich mich ein wenig anstrenge, weiß ich dennoch, wie es ist im Sommer. Wie die nackte Haut unangenehm am Kunstleder klebt, wie es nicht dunstig nach klammen Klamotten und schwitzigen Wollpullovern in überheizten Zugabteilen riecht, sondern nach Schweiß der Feldarbeit und salziger Haut der Backpacker. Der Zug bedeutet für mich Zuhause, im Sommer wie im Winter. Er repräsentiert das, was ich in meiner Wahlheimat suche – die klapprigen Sitze, die offenen Türen, die einfachen Leute. Ich bin immer enttäuscht, wenn ich in einem modernen Zug lande, wie er auch in Deutschland als Regionalbahn fahren könnte. Ich stemme mich regelrecht gegen jede Modernisierung, will mir mein Rumänien so bewahren, wie es war, als ich es das erste Mal bereiste. Ich fluche vor mich hin, wenn ich keine Ahnung habe, wo und wann mein Zug abfährt und wenn mein Sitznachbar so sehr stinkt, dass mir davon schlecht wird. Aber genau danach dürste ich auch.


Vielleicht hat es etwas mit Balkanisierung zu tun. Mit dem Konstrukt in unserem Kopf. Vielleicht bin ich vielmehr verliebt in eine Idee von Rumänien oder von Südosteuropa. Doch nun stelle ich mich der Herausforderung, hier zu leben. Rumänien ganz zu erfahren. Wenn die rosarot gemalten Visionen in meinem Kopf immer krasser mit den scharf ausgeleuchteten Abbildungen der Realität kollidieren, muss ich irgendwann einsehen, dass ich nicht im Traumland lebe. Ich werde mich der Wirklichkeit stellen, werde mich ihr stellen müssen. Werde schauen müssen, ob dass, was tatsächlich passiert, immer noch traumhaft ist oder ob die gehörige Portion Orientalismus in meinem Denken für eine totale Verzerrung gesorgt hat. Am Ende steht vermutlich folgende Erkenntnis: Es ist trotzdem schön. Wenn ich durch die harten Monate der Erkenntnis durch bin, werde ich vermutlich immer noch bleiben wollen. Denn obwohl der Kapitalismus hemmungsloser und der Konsumwahn uneingeschränkter ist, ist dennoch die Offenheit der Menschen, die Gastfreundschaft und die Überbleibsel des einstmals alltäglichen und natürlichen Multikulturalismus etwas, wofür es sich zu bleiben lohnt. Rumänien ist immer noch im Umbruch, anders als Ostdeutschland, wo die Wende in ein paar Jahren theoretisch vollzogen war (auch wenn heute praktisch dennoch an einigen Stellen scheinbar unüberwindbare Schluchten klaffen). In Rumänien ist noch hier und da das fruchtbare geistige Klima des Umbruchs zu spüren. Ich kann es verstehen, dass es Leute auf der Suche nach Abenteuern nach Rumänien zieht. Ich bin im Endeffekt eine davon. Aber wenn ich in dem Land bleiben möchte, wenn ich hier leben möchte, dann ist es zwangsläufig in nicht allzu ferner Zukunft Zeit für Realismus.

Streetart-Jahresendkalender - Tag 16

Joar, warum eigentlich? Gefunden in Temeswar.